"...Dokumente patriarchalischer Tradition..."

Aus einem Brief


 

“Nach Ansicht der Weisen ist der Himmel der Mann und die Erde die Frau ...” Leider sind diese Weisen Patriarchen.

Der Himmel, der stets Ausdruck des Geistigen und Göttlichen ist und auch in diesen Versen eine deutlich mächtigere Position als die Erde innehat, wird hier analog der Vorstellungen des Patriarchats mit dem Mann identifiziert. Seine Macht besteht darin, daß die als weibliches Symbol eingesetzte Erde aufnehmen muß, was er hinabfallen läßt, sie ist vollkommen abhängig von seinen Wohltätigkeiten, was leider immer noch häufig reellen Gegebenheiten des Geschlechterverhältnisses entspricht.

Selbstverständlich kann kein Mann ohne das Dasein des anderen Geschlechts existieren (in der Konsequenz würde die Abwesenheit der Frau das Aussterben der Männer bedeuten). Diese umgekehrte Abhängigkeit drückt der Verfasser in der folgenden Frage aus: “Wie sollten Blumen blühen ohne die Erde?”.

Dadurch wird jedoch keineswegs eine gleichberechtigte Stellung für die Frau postuliert, da das Gedicht eine Glorifizierung der hierarchischen Machtkonzentration auf männlicher Seite beinhaltet. Die Frau wird in der traditionellen Sichtweise auf die Symbolik des empfangenden Elementes festgelegt, während der Mann eine aktivere Rolle zugeschrieben bekommt. Diese Arten der Rollenzuweisung sind jedoch als Resultate der Kulturentwicklung und nicht als geschichtliche Konstanten zu betrachten.

Wünschenswert wäre eine Synthese der Elemente “weiblicher” und “männlicher” Rollen in beiden Geschlechtern, die erst eine vollständige und ganzheitliche Verwirklichung des Menschseins im Individuum ermöglicht.

Jessika Bräg, Berlin

 

P.S.: Es ist tatsächlich deprimierend und ärgerlich, daß die Emanzipationsbemühungen der Frauen noch nicht so weit vorgedrungen sind, um die ernsthafte Veröffentlichung solcher Dokumente patriarchalischer Tradition ohne kritische Hinterfragung zu verhindern.

 

© aus ICH 2/94

 

 

 

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