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Hindernisse für Lust und Liebe
A. P.: Liebe ist ja doch ein Wort, was ziemlich inflationär
gebraucht wird. Es gibt unheimlich viel Definitionsversuche über Liebe, vorwiegend
im Bereich geistreicher Aphorismen. Können Sie aus Sicht der Psychotherapie
noch eine Definition hinzufügen?
Maaz: Das Wort Liebe hat für uns zweierlei Bedeutung:
Es gibt das Bedürfnis, geliebt zu werden und das Bedürfnis, zu lieben. Liebe
hat also einen aktiven und einen passiven Teil. Liebe wird gegeben und genommen.
Wir zählen Liebe zu den menschlichen Grundbedürfnissen, sie ist ein somato-psycho-soziales
Grundbedürfnis - hat also körperliche, seelische und soziale Dimensionen.
Wie jedes andere Grundbedürfnis auch ist also Liebe ein von
Natur vorgegebenes Bedürfnis, das befriedigt werden will, wenn der Mensch
gesund und zufrieden leben möchte. Ein Mangel an Liebe ist eine wesentliche
Ursache für viele Störungen und Krankheiten im Leben des Menschen.
Erfüllte Liebe äußert sich körperlich als wohltuendes Lustgefühl
mit Glühen und Strömen, mit Freude und wohliger Entspannung. Unerfüllte Liebe
verursacht Schmerz, Leid, Angst, Spannung und Enttäuschung. Liebe ist an Beziehungen
gebunden, Liebe erschafft Beziehungen, und Liebe braucht Partner. Sie schafft
Nähe, Vertrauen und ermöglicht Hingabe und Aufopferung. Liebe öffnet den Menschen
und macht ihn ehrlich, fehlende Liebe verschließt den Menschen, macht ihn
unehrlich, mißtrauisch, selbstunsicher und ist eine wesentliche Ursache für
Gewalttätigkeit.
Es gibt auch sehr viele Mißverständnisse, was Liebe eigentlich
meint. In unserer Arbeit ist es von großer Hilfe, zwischen bedingungsloser
Liebe und an Bedingungen geknüpfter Liebe zu unterscheiden.
Bedingungslose Liebe ist bestrebt, ohne Wenn und Aber dafür
zu sorgen, daß es dem Geliebten oder der Geliebten gut geht. Dagegen ist die
Liebe, die sich an Bedingungen knüpft, darauf aus, daß der Geliebte
etwas hat oder tut, das der Liebende braucht oder ihm gefällt,
und allein dafür wird der Geliebte dann gemocht.
Diese Art Liebe ist leider häufiger, die bedingungslose
Liebe dagegen eher selten. Diese Unterscheidung wird in der Realität leider
viel zu wenig beachtet.
In der Regel verliebt man sich nur in jemanden, der etwas bietet,
vor allem Zuwendung, und ist dann sehr enttäuscht, wenn diese Zuwendung mal
ausbleibt - dann bricht auch meistens das Verhältnis auseinander. Man verliebt
sich also in der Regel mit der Hoffnung, endlich die liebende Zuwendung zu
bekommen, die man als Kind nie bekam. Damit wird aber in der Regel jeder Partner,
jede Partnerin überfordert, so daß die anfangs so glücklich erscheinenden
Beziehungen sehr bald in Vorwürfe und Enttäuschung ausarten.
A. P.: Sind Bedingungen so etwas Schlechtes? Wenn
mich jemand schlecht behandelt, dann werde ich ihn doch kaum lieben. Also
sind es doch bestimmte Leute, die mich gut behandeln, die dann auch so ein
Gefühl in mir hervorrufen, daß ich sie liebe. Das würden Sie schon als Liebe
mit Bedingungen einstufen, insofern als nicht anstrebenswert, als nicht die
eigentliche Liebe?
Maaz: Ich halte den Wunsch, daß jemand gut zu mir ist,
und daß ich ihn dafür auch gern habe, tatsächlich für ganz normal. Das Problem
entsteht, wenn dies jetzt als Liebe ausgegeben wird. Ehrlicherweise müßte
man sage: Ich liebe dich, weil du ... - um deutlich zu machen, daß
das Gefühl für den anderen an ein von mir gewünschtes Verhalten gebunden ist.
Das Gefühl, geliebt zu werden, stellt sich für den Menschen
bereits als Säugling dadurch her, daß er zuverlässig und hinreichend in all
seinen Bedürfnissen von (einem) Menschen befriedigt wird. Wenn ein Kind erleben
kann: Ich bin da, ich habe Bedürfnisse, und ich werde darin selbstverständlich
angenommen, also ich bekomme regelmäßig Nahrung, Zuwendung, Körperkontakt,
Wärme und Schutz - dann bringt diese regelmäßige Befriedigung dem Kind die
Gewißheit, daß es angenommen, also verstanden, gemocht und geliebt ist.
Es geht um die einfache, aber wesentliche Erfahrung: Nur weil
ich lebe und so bin wie ich bin, bin ich gemocht. Aber genau diese Erfahrung
wird vielen Menschen heute nicht mehr ermöglicht, weil die Eltern, die ja
in erster Linie aufgerufen sind, die Fülle der Grundbedürfnisse gut zu befriedigen,
entweder nicht mehr zeitlich hinreichend für ihre Kinder da sind. Oder aber
sich nicht in die Bedürfnisse ihrer Kinder einfühlen können oder aus ihrem
eigenen Mangelzustand an erfahrener Liebe auch nicht in der Lage sind, Liebe
weiterzugeben. Wer selber noch bedürftig ist, und das sind heute sehr viele
Menschen, ist zur wirklichen Befriedigung anderer Menschen nur schlecht in
der Lage. Aber genau dies ist auch ein Riesenproblem, denn viele ungeliebte
Menschen wollen den Schmerz darüber dadurch abwehren, daß sie sich jetzt große
Mühe geben, andere Menschen gern zu haben, für andere Menschen dazusein. Diese
liebende Fürsorge hat dann häufig etwas Aufdringliches, Einengendes, Besitzergreifendes
und schadet letztlich besonders, weil sie unter dem Deckmantel der Liebe
geschieht.
Und die meisten Kinder müssen die Erfahrung machen, daß sie
die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen haben - und erst dann von ihnen auch
bestätigt und angenommen werden. Dies ist in der Regel ein mehrjähriger schmerzlicher
Prozeß, bis die Kinder folgsam geworden sind und den Eltern Freude
bereiten.
Im Grunde genommen steht damit aber die Natur auf dem Kopf.
Statt die Eltern für das Kind da wären, muß das Kind erst herausfinden, was
die Eltern von ihm wollen, um ihr Interesse, ihre Zuwendung und Bestätigung
zu bekommen. So entwickelt sich das Kind nicht mehr nach seinen natürlichen
Bedürfnissen und Rhythmen, nicht mehr nach seinen einmaligen, individuellen
Möglichkeiten und Eigenarten, sondern nach den Vorstellungen der Eltern und
muß sich damit zwangsläufig von der eigenen Individualität und Natürlichkeit
entfremden. Und die Erwartungen der Eltern haben natürlich immer etwas mit
den Normen einer Gesellschaft zu tun, denn die Eltern erziehen ja so, wie
sie glauben, daß ein Mensch in dieser Gesellschaft und in dieser Kultur gebraucht
wird.
Die damit abgerungene Entfremdung ist die Grundlage für viele
spätere Konflikte und Krankheiten, die wir unter dem Begriff der Zivilisationserkrankungen
zusammenfassen.
So lernen Kinder gewünschtes Verhalten und bekommen für Anpassung,
letztlich also für Entfremdung und Unterwerfung, Lob und Anerkennung. Daraus
wächst ein verhängnisvoller Irrtum: Daß man sich Liebe durch Anstrengung
und Leistung verdienen könne. Aber man kann sich Liebe nicht verdienen, durch
nichts. Jedoch die meisten Menschen glauben und hoffen ein Leben lang, daß
sie durch Wohlverhalten und Anstrengung doch noch eines Tages wirklich angenommen
würden. So bilden sie die tragische Basis für jede Leistungsgesellschaft.
Keine Leistungsgesellschaft würde funktionieren, wenn sie nicht auf ein Heer
von Menschen zurückgreifen könnte, die an einem Liebesdefizit leiden und sich
von daher zu übermäßigen und krankmachenden Anstrengungen verleiten lassen.
A. P.: Welcher Zusammenhang besteht nach Ihrer Erfahrung
zwischen Liebe - und Lust?
Maaz: Diesen Zusammenhang will ich so erklären: Die Grundbedürfnisse
melden sich nach eigenen Rhythmen, um befriedigt zu werden. Ein unbefriedigter
Zustand wird als Spannung erlebt, und im Falle der Befriedigung entsteht Entspannung.
Werden Bedürfnisse immer wieder vernachlässigt und bleiben unbefriedigt,
wird aus dem Spannungszustand regelrechte Unlust, Angst und Verzweiflung.
Dagegen ist das Entspannungserlebnis der Befriedigung ausgesprochen lustvoll.
Wir finden also ein Gegensatzpaar von Lust und Angst. Und diese Empfindungen
haben natürlich auch physiologische und biochemische Korrelate, es sind auch
energetische Prozesse. Im Zustand der Lust öffnet sich der Mensch nach außen,
seine Augen leuchten, die Haut wird warm und ist gut durchblutet, er gibt
wohlige Laute von sich, er stellt Kontakt zur Umwelt her, alles strömt von
innen nach außen. Im Zustand der Unlust verschließt sich der Mensch, er blockiert,
hemmt und bremst sich, der Blick wird unsicher und angstvoll, die Haut wird
blaß, kalt und feucht, die Muskeln sind verspannt, alles ist auf Zurückhaltung
und Kontaktabbruch ausgerichtet, die Lebensenergie wird zurückgehalten und
strömt nicht mehr nach außen, es staut sich alles im Menschen und verursacht
starkes Unwohlsein.
Liebe und Lust sehe ich wie die zwei Seiten ein- und derselben
Medaille. Liebe ist dann der soziale Vorgang zwischen zwei Menschen und Lust
der körperliche Ausdruck dazu. Wirkliche Lust ist also ohne Liebe nicht denkbar,
und wer liebt, der empfindet auch Lust.
Dagegen wird mancher einwenden, daß er durchaus zu sexueller
Lust fähig ist ohne eine liebende Beziehung. Und ein anderer wird sagen, daß
er Menschen liebt, ohne körperliche Lust dabei zu erfahren. Beide Behauptungen
sind in meinen Augen suspekt und geben Hinweise auf eine Luststörung beziehungsweise
eine Behinderung wirklicher Liebe.
Sexualität ist der intimste körperliche Ausdruck von Liebe,
und Sexualität ohne Liebe ist nicht wirklich lustvoll, befreiend und entspannend,
es bleiben immer Reste von Unzufriedenheit, Angst, Schuld oder Scham.
Es gibt allerdings auch Liebesbeziehungen, die Sexualität im
engeren Sinne ausschließen, wie z. B. zwischen Eltern und Kindern, zwischen
Geschwistern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Therapeuten und Patienten.
Und wenn wir in solchen Beziehungen von echter Liebe sprechen wollen, dann
basiert sie zumindest auf der phantasierten Möglichkeit auch sexueller Beziehungen,
die allerdings aus notwendigen Gründen nicht ausgelebt werden beziehungsweise
werden dürfen. Dafür hat die menschliche Zivilisation sinnvolle Tabus entwickelt.
Und solche Tabus nicht als belastende Verbote zu erleben, sondern als eine
gebotene und sinnvolle Einschränkung, ist oft entscheidend für seelische Gesundheit.
Es ist aus dieser Perspektive schon ein Unterschied, ob man sich Wünsche zugestehen
kann oder sie vor sich selber peinlichst verbergen muß und damit durch Scheu,
Scham und Schuldgefühle die eigene Lebendigkeit wesentlich beeinträchtigt.
Aber sich Wünsche und Phantasien einzugestehen und gleichzeitig zu verstehen
und zu akzeptieren, daß man auch verzichten kann und muß, ist gesunderhaltend
und befreiend, auch wenn es mitunter durchaus als bitter und schmerzlich empfunden
wird.
Bei unseren Analysen haben wir häufig finden müssen, daß Eltern,
die mit ihrer eigenen Lustfähigkeit Schwierigkeiten haben, auch ungetrübt
lustvolle Kinder schwer aushalten können und stets dazu neigen, den spontanen
Ausdruck von Lebensfreude und Lust irgendwie zu dämpfen. Um ein Beispiel zu
nennen: Es kann durchaus vorkommen, daß ein Säugling, der gestillt wird, diesen
Zustand von Nahrungsaufnahme, Zuwendung, Wärme und Körperkontakt als ausgesprochen
lustvoll empfindet, entsprechend körperlich darauf reagiert, z. B. auch mit
einer Erektion des Penis. Der gestreßten und lustgestörten Mutter kann das
durchaus Unbehagen, ja sogar Angst machen, und sie reagiert irgendwie abweisend,
ohne daß sie das selbst merken muß.
So gerät das Kind in eine echte Zwickmühle, es bekommt unterschiedliche
Signale vermittelt: auf der einen Seite den lustvollen Zustand des Gestilltwerdens
und auf der anderen Seite die ablehnend-angstvolle Reaktion der Mutter. Auf
diese Weise kann das Kind Erfahrungen machen, daß eigene Lust von anderen
Menschen nicht angenommen und akzeptiert wird, eine Erfahrung also, die bereits
geschieht, noch bevor darüber nachgedacht oder gar gesprochen werden könnte.
So tief kann Lustangst wurzeln. Und die Lustangst vieler Eltern resultiert
aus ihren eigenen unbefriedigenden Erfahrungen. D.h. die Lust ihrer Kinder
macht ihnen Angst, denn sie werden dadurch an ihre eigenen unerfüllten Sehnsüchte
erinnert und damit an schmerzliche und bittere Erlebnisse ihres eigenen Lebens.
Was sie also selbst nicht leben durften, können sie dann auch
ihren Kindern nicht mehr wirklich gestatten, es sei denn, sie akzeptierten
auch den Schmerz über das eigene defizitäre Leben.
A. P.: Besteht zwischen der Mutter, die stillt und
dem Kind, das gestillt wird, eine gegenseitige lustvolle Beziehung?
Maaz: Ja, wenn dieser Zustand von beiden ungetrübt zugelassen
wird, ist er auch für beide lustvoll. Beide - Mutter und Kind - ergänzen sich
in ihrer Lust und befördern wechselseitig ihr Lusterlebnis. Gestillt werden
ist für das Kind einfach ein wunderbares Erlebnis, und eine gesunde Mutter
hat auch ein starkes Bedürfnis zu stillen, vorausgesetzt, sie ist selbst voller
Liebe und kann von daher gern und freimütig hergeben. Ist dies aber nicht
der Fall, ist die Mutter selbst bedürftig, wird sie unweigerlich, auch wenn
sie stillt, vermitteln, daß es ihr schwerfällt, etwas herzugeben, weil sie
lieber selbst noch gestillt werden möchte. Ein solcher psychodynamischer
Hintergrund besteht für viele Störungen des Stillens, auch wenn diese körperlich,
wie z. B. bei einer Brustdrüsenentzündung, erscheinen mögen.
Es ist auch wichtig zu wissen, daß die lustvolle Übereinstimmung
zwischen Mutter und Kind nicht nur eine wunderbare Erfahrung für beide ist,
sondern den Grundstein legt für so wichtige Eigenschaften wie Selbstsicherheit,
Gewißheit, Vertrauen, Glaube und Hoffnung. Wird diese Urerfahrung aber getrübt
durch Spannungen, wird damit die Grunderfahrung von Verunsicherung, Angst,
Zweifel, Selbstwertstörungen und Hoffnungslosigkeit gelegt.
A. P.: Was Sie über die lustvolle Beziehung zwischen
Mutter und gestilltem Kind gesagt haben, widerlegt ja bereits eine - eigentlich
spätestens seit Sigmund Freud - überholte, aber immer noch verbreitete Annahme:
Sexualität wäre etwas, das plötzlich vom Himmel fällt, wenn man 13 oder 14
Jahre alt ist. Alles, was davor liegt, hätte mit Sex rein gar nichts zu tun.
Maaz: Viele Menschen glauben, daß die Sexualität erst
in der Pubertät erwacht. Das ist aber nicht richtig. Der Mensch ist von Geburt
an ein sexuelles Wesen, er bleibt es auch bis zu seinem Ende.
Die sexuellen Bedürfnisse des Menschen entwickeln sich, durchlaufen
Reifeschritte und sind in ihrer Orientierung und Entfaltung sehr stark von
äußeren Bedingungen und der Art und Weise der Beziehungsangebote abhängig.
Daß Kinder bereits sexuelle Wünsche und Gefühle haben, wird nicht gern akzeptiert,
häufig gar nicht zur Kenntnis genommen, sondern mit einem Tabu belegt. Aber
gerade die ersten Erfahrungen, inwieweit sie bejaht, erlaubt, gefördert, also
positiv besetzt werden oder nicht, sind für die weitere Entwicklung und für
das spätere Sexualleben des Erwachsenen sehr wichtig. Frühe Verbote, moralisierende
Einengung und die Unsicherheit vieler Eltern erzeugen Ängste und Schuldgefühle,
die die Entfaltung sexueller Lust ein Leben lang beeinträchtigen können.
Menschliche Sexualität kennt viele Facetten und Varianten, sie
ist ein komplexes somato-psycho-soziales Geschehen. Schon die Entwicklung
der kindlichen Sexualität weist uns darauf hin, daß der ganze Körper einbezogen
ist, daß Spannung und Erregung nicht allein auf die Sexualorgane beschränkt
bleiben. Die psychoanalytische Forschung beschreibt Entwicklungsphasen, die
nach den Körperregionen benannt sind, von denen die lustvollen Erregungen
ausgehen. Es gibt eine orale (Mund), eine anale (After) und eine genitale
(Geschlechtsorgane) Phase. Schon das Neugeborene erlebt eine lustvolle Stimulierung
durch die erogene Zone des Mundes. Der Mund ist anfangs das zentrale Organ,
über das vor allem die Beziehung zur Welt aufgenommen wird. Im Stillen erfährt
der Säugling nicht nur die notwendige Sättigung durch Nahrung, sondern auch
Haut- und Körperkontakt, Wärme, Zuwendung, Sicherheit, Geborgenheit. Später
rückt die Ausscheidungsfunktion mehr in das Zentrum des Interesses, vor allem,
wenn das Zurückhalten und Loslassen als eine selbst zu regulierende Funktion
lustvoll erlernt wird. Und wieder eine Zeit später geraten die eigenen Geschlechtsorgane
in das Zentrum der Aufmerksamkeit, und Kinder erleben beim Berühren, Streicheln,
Reiben und Massieren lustvolle Gefühle. Auch die Entdeckerfreude am eigenen
Körper und die Neugier am fremden Körper sind ganz natürliche Vorgänge.
A. P.: Aber halten wir zunächst fest, daß Sie nicht
der Meinung sind, Sexualität verdient diesen Namen erst, wenn es möglich ist,
sich sexuell zu vereinigen.
Also das Eigentliche an Sexualität ist nicht
unbedingt der Geschlechtsverkehr?
Maaz: Richtig. Ich verstehe Sexualität vor allem als
die körperliche Fähigkeit und das Bedürfnis, eine lustvolle Spannung aufzubauen
und dann die lustvolle Entspannung zuzulassen. Dazu gehören zärtliche Berührungen
und Körperkontakt in unterschiedlichen Körperbereichen ebenso wie angstfreier
und liebevoller sozialer Kontakt.
Sexualität hat also immer auch etwas mit Beziehung zu tun, wobei
allerdings der lustvolle Umgang mit dem eigenen Körper, eine gute und bejahende
Beziehung zu sich selbst, eine wichtige Voraussetzung ist. Dabei ist auch
Onanieren sehr wichtig. Wer angst- und schuldfrei hat lernen dürfen, sich
selbst zu erregen und zu befriedigen, der lernt nicht nur den eigenen Körper
gut kennen, sondern auch Verantwortung für die eigene Lust zu übernehmen.
Eine wesentliche Voraussetzung für gute partnerschaftliche Sexualität ist
ja, daß man dem Partner, der Partnerin die eigene Lust bringen kann und nicht
erwartet, daß einem Lust gemacht wird, daß man für die eigene sexuelle
Behinderung nicht den Partner verantwortlich macht. Ein Partner kann dem anderen
nicht den Orgasmus machen, was z.B. viele Frauen von ihren Männern erwarten
- aber auch viele Männer machen ihre Lustfähigkeit an der Partnerin fest.
Der Partner kann höchstens förderlich oder hinderlich sein, aber die eigene
Lust kann man nur selbst zulassen oder blockieren.
A. P.: Wenn wir von Geburt an sexuelle Wesen sind,
welche besondere Rolle fällt dann der Pubertät zu?
Maaz: Mit der Pubertät bekommt der Wunsch nach sexueller
Vereinigung eine zentrale Bedeutung. In diesem Alter ist dann allerdings auch
die Fähigkeit zur Zeugung und Schwangerschaft entwickelt, was zu einem besonderen
Problem werden kann, denn jetzt klaffen körperliche und soziale Reife noch
längere Zeit auseinander. Mit sozialer Reife ist die Fähigkeit gemeint, für
das eigene Leben selbständig sorgen zu können, die Beziehung verbindlich zu
gestalten, um zuverlässige Verantwortung für Kinder übernehmen zu können.
Dieses Problem unserer Kultur wird häufig dadurch verschärft, daß Eltern und
Erzieher wenig Verständnis und Toleranz für jugendliche Sexualität aufbringen,
sondern nur mit Verboten, Drohungen und Einschränkungen reagieren. Aber gerade
in diesem Alter wäre die wohlwollende Förderung der ersten partnerschaftlichen,
sexuellen Kontakte für das Selbstbewußtsein und die Beziehungsfähigkeit eine
wichtige Voraussetzung. Es ist eine Zeit, in der partnerschaftliche Sexualität
eingeübt wird.
A. P.: Heißt das, Sexualität muß geübt werden? Muß
man Sex wirklich lernen, reicht es nicht, seinen Bedürfnissen einfach freien
Lauf zu lassen?
Maaz: Lernen verstehe ich hier vor allem als Erfahrungen
sammeln, ausprobieren, kennenlernen. Aus Büchern und durch hilfreiche Gespräche
kann man zwar etwas über Funktionen, über Techniken erfahren - natürlich muß
man sich auch theoretisches Wissen über Empfängnisverhütung oder Geschlechtskrankheiten
aneignen. Aber entscheidend sind persönliche Erfahrungen damit, welche Voraussetzungen
und Bedingungen für die eigene Lustentfaltung wichtig sind, auf welche Weise
die partnerschaftliche Beziehung förderlich oder hinderlich dabei sein kann.
Für ganz wichtig halte ich den offenen und vertrauensvollen
Kontakt zu einen erfahrenen Erwachsenen, mit dem man eventuell über alle Schwierigkeiten,
Konflikte und Ängste sprechen kann. Aber genau das ist eher selten. Die meisten
Jugendlichen erfahren nicht nur kein Verständnis und keine Unterstützung für
ihre Sexualität, sondern werden eher eingeschüchtert und geängstigt, weil
die meisten Erwachsenen selbst eine gestörte Beziehung zu ihrer Sexualität
haben und nicht frei und ehrlich damit umgehen können. Sie sind daher also
weder gute Gesprächspartner noch gute Vorbilder.
Eltern, die auf eine selbstverständliche Weise mit ihrer Sexualität
umgehen, also etwas Natürliches vorleben, ohne Angst zu verbreiten und Schuldgefühle
zu erzeugen, wären das beste für die Entfaltung jugendlicher Sexualität. Solche
Eltern brauchen ihre Kinder auch nicht aufzuklären, also einen
bestimmten Zeitpunkt zu wählen, in dem Kinder in ein Geheimnis
eingeweiht werden. Solche Art Aufklärung wird von den Kindern meist als peinlich,
komisch, lästig und unpassend erlebt - eine einmalige Aufklärung
ist in der Regel auch ein hilfloser und alberner Akt. Wenn Sexualität nicht
tabuisiert oder irgendwie abgewertet wird, stellt das Kind auch ganz selbstverständlich
und ungezwungen seine Fragen zu sexuellen Dingen wie zu allen anderen Angelegenheiten
des zu entdeckenden Lebens. Jede Antwort, die dann ablenkt wie Das verstehst
du nicht, Das erkläre ich dir später, Da mußt du Mutti
- oder Vati - fragen , zeugt von der unbewältigten sexuellen Problematik
der Eltern und wird die gesunde sexuelle Entwicklung ihres Kindes beeinträchtigen.
A. P.: Also halten Sie Aufklärung eigentlich nicht
für nötig?
Maaz: Das ist richtig. Schon das Wort Aufklärung und
wie es gebraucht wird, verrät eher eine negative Einstellung zur Sexualität:
Daß dort etwas Dunkles stattfindet, das man aufklären müsse. Es
ist im Grunde nichts aufzuklären. Wenn alle Fragen der Kinder immer dann beantwortet
würden, wenn sie auftauchten, wenn die Eltern aus der Sexualität kein Geheimnis
machen würden, dann bräuchten sie dieses im Nachhinein auch nicht aufzuklären.
A. P.: Sie haben betont, wie eng Lust und Liebe zusammenhängen
und daß diese Zusammenhänge zumeist schon in frühester Kindheit gestört sind.
Welche Konsequenzen hat eine solche Störung dann für denjenigen, der jetzt
in die Phase der Pubertät eintritt?
Maaz: Kinder mit solchen Erfahrungen bleiben, wenn sie
heranwachsen, in ihrer eigenen Beziehungs- und Kontaktfähigkeit unsicher,
scheu und gehemmt, oder sie reagieren ihre Spannungen in aggressiven Verhaltensauffälligkeiten,
z.B. auch in radikalen Gruppen, ab. Durch den sexuellen Bedürfnisdruck, der
in der Pubertät sehr stark wird, werden sie einerseits zu Kontakt genötigt,
durch ihre schlechten Erfahrungen aber auch geängstigt. So bleiben die Kontakte
meist nur oberflächlich, auf die sexuelle Funktion beschränkt oder Partner
werden häufig gewechselt. Eine liebende Beziehung wird nicht gesucht und auch
nicht aufgebaut. Die Angst vor neuer Enttäuschung ist viel zu groß, aber es
ist meist auch eine Scheu vorhanden, wirkliche Liebe zu finden, weil man dadurch
erst recht an die unerfüllt gebliebenen Wünsche und Sehnsüchte erinnert würde.
A. P.: Also hat man Angst vor dem, was man eigentlich
braucht, nämlich vor der wirklichen Liebe?
Maaz: Ja. Und manchmal hören wir in unseren Krankengeschichten
auch davon, daß, wenn es dann doch in der Sexualität zu größerer Nähe, oder
zum lustvollen Orgasmus kommt, plötzlich auch ein Mensch anfängt zu weinen.
Das ist ja zunächst paradox und unverständlich. Aber es läßt sich dadurch
erklären, daß nun doch diese Sehnsucht wieder durchbricht: Ich möchte endlich
geliebt sein, ich möchte gerne diese Annahme, auch diese körperliche Annahme
erfahren, die mir so sehr gefehlt hat.
Um solchen Schmerz zu vermeiden, ist die typische Situation
in der Pubertät leider eher so, daß Liebe und Sexualität voneinander abgespalten
werden, daß man zwar Sexualität braucht und ausübt, aber es sich so einrichtet,
daß es - wie in der frühen Beziehung zu den Eltern - nicht zur Liebe kommen
kann. Wenn sich daraus dann trotzdem eine Partnerschaft oder später eine Ehe
entwickelt, ist damit schon das Scheitern voraus geplant. Und schließlich
wird dann auch die Sexualität sehr bald nicht mehr befriedigend sein: Streit,
Spannungen und ein heimlicher, nicht offen ausgetragener Wettkampf,
wer von den Partnern mehr Zuwendung vom anderen bekommt, garantiert dann wieder
die altbekannte Enttäuschung und Distanz.
A. P: Wann haben nach Ihren Erfahrungen 14jährige
die besten Chancen, diese bei ihnen neu aufbrechende, sich in einer neuen
Qualität befindende Sexualität in vollen Zügen zu genießen bzw. umgekehrt:
Was hindert sie normalerweise daran, das zu tun?
Maaz: Ich will das so zusammenfassen: Die besten Chancen
hätten sie, wenn sie Eltern, Erwachsene, eine Gesellschaft um sich hätten,
die die Sexualität, auch die der Kinder und Jugendlichen, eindeutig und ohne
Einschränkung bejahen und das auch vorleben. Das schließt also vieles ein:
daß Kinder hinreichend zärtlichen Körperkontakt bekommen, daß sie schuldfrei
onanieren lernen, daß sie im Ausdruck ihrer Vitalität, ihrer Freude und Lust
nicht eingeengt und zum Ausdruck ihres Zorns und ihres Schmerzes ermutigt
werden, daß Jugendlichen Raum, Zeit und Gelegenheit zu ungestörten sexuellen
Kontakten eingeräumt und zugebilligt wird, daß sie schließlich verständnisvolle
Begleitung, Beratung und Hilfe bei allen entstehenden Konflikten erfahren
und nicht Belehrung, Ermahnung und Einschüchterung.
Doch das ist leider sieht die gegenwärtige Realität deutlich
anders aus. Wir leben in einer Gesellschaft, die massenhaft sexuelle Störungen
produziert. Ängste, Unsicherheiten und Schuldgefühle sind immer noch weit
verbreitet infolge einer autoritär-einschüchternden und moralisierenden Erziehung.
Die vielfachen Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Kind belasten auch
die Beziehungsfähigkeit des Heranwachsenden. Autoritäre Erziehung verursacht
viel Empörung, Wut, Haß, aber auch Schmerz, die nicht gezeigt werden dürfen.
Also müssen sie seelisch verborgen und körperlich unterdrückt werden. Das
führt zu körperlich-muskulären Spannungen, die auch das Loslassen, das Strömenlassen,
die Ausbreitung einer Lustwelle verhindern. Dadurch ist die Fähigkeit zu einem
vollständigen Orgasmus bei vielen Menschen eingeschränkt.
Das ist einer der Gründe, wodurch auch Sexualität zur Sucht
wird, davon lebt das vielfache Geschäft mit dem Sex. Wenn es nicht mehr zu
umfassender befriedigender Entspannung kommt, wird durch Partnerwechsel, durch
Techniken, gesteigerte Raffinessen oder Abartigkeiten Entlastung
gesucht. Davon sind leider nicht nur Kranken- und Gerichtsakten voll, sondern
auch die meisten Zeitungen.
Sexuell frustrierte Menschen wiederum tragen erheblich zu gesellschaftlichen
Fehlentwicklungen bei. Wenn sie sich nicht mehr über Sexualität regelmäßig
und ausreichend entspannen und befriedigen können, müssen sie versuchen, die
vorhandene oder zurückbleibende Spannung anders abzureagieren, zu kompensieren
oder zu dämpfen. Hier finden wir eine entscheidende Ursache für den verbreiteten
Drogenmißbrauch - Alkohol, Nikotin, Medikamente, harte Drogen - aber auch
für die Arbeitssucht oder die Sucht nach Konsum, Besitz und Macht, die eine
Gesellschaft in totalitäre oder beziehungs- und umweltzerstörende Entwicklungen
treibt.
A. P.: Also Sexualität ist genauso wie Hunger und
Durst ein Trieb - das muß man vielleicht noch mal ganz deutlich sagen. Und
ein Trieb, der sich irgendwie seine Bahn bricht. Wenn er nicht direkt das
darf, wofür er eigentlich da ist, dann sucht er sich irgend etwas anderes.
Es ist also keine Sache, über die man rational entscheiden kann: Bin ich sexuell
oder bin ich nicht sexuell, habe ich sexuelle Bedürfnisse oder nicht. Man
hat sie. Man kann sie vielleicht verleugnen und man kann sie ersatzbefriedigen
- aber man kann sie auf keinen Fall wegmachen. Sie wirken auf irgendeine Art
und Weise: wenn nicht natürlich oder gesund, dann ungesund und unnatürlich.
Maaz: Genau. Man kann daher auch sagen: Sexuell befriedigte
Leute müssen nicht soviel kaufen, konsumieren, haben, müssen nicht soviel
Macht anstreben oder Geltung, Ruhm ernten. Sie sind mehr interessiert an liebenden
Kontakten, an emotionalen Beziehungen, an einer guten Möglichkeit, zu einer
lustvollen Entspannung zu kommen und würden dann natürlich ihr Leben, ihre
Beziehung und auch ihre Gesellschaft nach diesen Werten einrichten wollen.
Und ich glaube, daß das schon eine bemerkenswerte Alternative
wäre zu der bisherigen Struktur unserer Gesellschaft. Jede Diskussion um gesellschaftliche
Veränderungen und Entwicklungen, um die Normen und Werte - eine Diskussion,
die wir zur Zeit dringend brauchen - muß also die Sexualität mit einschließen.
Daß wir unseren Kindern eine gesunde sexuelle Entwicklung ermöglichen, ist
für das gesellschaftliche Leben, letztlich für das Überleben, von größter
Wichtigkeit.
Das gilt auch andersherum: Wer die Jugend sexuell frustriert,
erzeugt damit Gewalttäter und bereitwillige Soldaten und Mitläufer für jedes
politisch, militärisch oder religiös motivierte destruktive Handeln.
© aus ICH 2/91 und ICH 1/92
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