Unser (der Ex-DDR-Bürger) Bedarf und Nachholebedarf an Psychotherapie
ist ganz bestimmt gewaltig. Aber längst nicht alles, was da an Hunderten
von Therapieangeboten und -richtungen, Psychokulten und -sekten aus
Richtung Westen zu uns rüberschwappt, ist sinnvoll - und schon gar nicht
alles für jeden. Also - bei allem verständlichen Druck:
"Vorsicht, Psychoboom !" Ratschläge für Psychotherapie-Interessierte
von Andreas Peglau
Warum ist es wichtig, seriöse von unseriösen
Angeboten zu trennen?
Unverantwortlich durchgeführte Psychotherapie
oder ähnlich intensive seelische "Eingriffe" können
kurzzeitige oder anhaltende seelische Schäden - bis hin zu psychotischen
Zuständen (Wahnsinn) und notwendigen Einweisungen in psychiatrische
Stationen - verursachen, starke Ängste oder Depressionen - bis
hin zu Selbstmordabsichten - hervorrufen und dauerhafte oder vorübergehende
Abhängigkeiten (vom Therapeuten oder Guru, von der Gruppe, Sekte
oder von der Therapie u. a.) erzeugen.
Was tun?
- Entweder: Von vornherein nur Angebote von Therapeuten
wahrnehmen, die eine offizielle staatliche Anerkennung haben. Eine Behandlung
bei diesen Therapeuten wird in bestimmtem Umfang von der Kasse bezahlt.
Voraussetzung ist eine entsprechende Diagnose und ein Gutachterantrag.
Diese Angebote können in der BRD Psychotherapeuten
machen, die niedergelassene Ärzte oder niedergelassene Klinische
Psychologen sind. Diese Therapeuten verfügen über eine anerkannte
langjährige praktische und akademische Ausbildung und Berufserfahrung.
- Oder (zumal in Gegenden, wo weit und breit keine
staatlich anerkannten Therapeuten zu finden bzw. lange Wartezeiten unvermeidlich
sind): Auf eigene Faust suchen.
Was ist bei der Auswahl eines Therapeuten zu beachten?
- Zunächst mindestens jedes Angebot ebenso sorgfältig
und gründlich prüfen, wie es bei jedem Auto- oder Hauskauf
völlig normal wäre - nur, daß jeder therapeutische Fehlgriff
ungleich gravierendere Auswirkungen als der kaputteste Vergaser oder
ein undichtes Dach nach sich ziehen könnte.
- Keine Therapeuten einfach nur aus dem Telefonbuch
oder aus Annoncen auswählen.
Diese Eintragungen sagen in der Regel für den
Laien nichts über deren tatsächliche Qualifikation und Berufserfahrung
aus: Ernsthafte, gut ausgebildete Therapeuten können direkt neben
Scharlatanen und Pfuschern stehen. Zeitungen sichern sich daher zumeist
durch Vermerke ab, daß die Anzeigen und Angebote nicht von der
Redaktion geprüft und bewertet werden.
- Sich Therapeuten von Beratungsstellen empfehlen lassen
oder von guten Bekannten, die bereits eine Behandlung mitgemacht haben
und über ihre Erfahrungen berichten können.
- Vom Therapeuten ein Zertifikat oder Qualifikationsnachweis
verlangen: Welche Ausbildung hat er, in welcher psychotherapeutischen
Gesellschaft oder in welchem Berufsverband ist er integriert (zum Beispiel
BDP - Berufsverband Deutscher Psychologen), wem ist er rechenschaftspflichtig
usw.?
- Mehrere Therapeuten miteinander vergleichen. Die
Chance dazu ergibt sich, weil sowieso jeder seriöse Therapeut mindestens
ein (kostenloses) "Erstgespräch" führen wird - das
heißt: ein Gespräch, in dem der Patient seine Probleme, Wünsche,
Erwartungen, Ängste auf den Tisch legen und der Therapeut über
seine konkreten Hilfsmöglichkeiten sprechen kann.
In diesen Gesprächen sollte man sich ein Bild
voneinander machen: Könnte ich Vertrauen zu ihm/ ihr haben? Möchte
ich, daß dieser Mensch mir hilft? Entsprechen seine Angebote meinen
Vorstellungen?
- Autoritätsduselei vermeiden. Weißer Kittel,
Doktortitel und selbst guter Wille des Therapeuten sind noch lange keine
Garantie für eine gelingende Therapie: Es handelt sich hierbei
immer um einen zweiseitigen Prozeß. Der Therapeut kann
noch so hochqualifiziert und geschätzt sein - wenn ich keinen Draht
zu ihm finde, ist es für mich der falsche.
Also: Passen wir zueinander?
Vorsicht bei ...
- allen "Schnellschüssen". Sinnvolle,
anhaltende seelische Veränderungen sind nie an einem Tag oder an
einem Wochenende möglich, sondern nur in einem langwierigen Prozeß.
Es reicht nie aus, einfach nur eine bestimmte Situation
(zum Beispiel Geburt) zu erleben - und schon ist man "gesund".
Derartige "Wochenend-Workshops" reißen Probleme
oft nur auf (zum Beispiel mit intensiver Massage, spiritueller Musik,
tiefem langen Atmen oder rhythmischen Bewegungen in Gruppen, Hypnose
u. ä.) - und diese plötzlichen, nicht zu verarbeitenden Erfahrungen
können uns überfluten, einen seelischen "Kurzschluß"
auslösen. Die versprochene "Bewußtseinsserweiterung"
kann im seelischen Zusammenbruch enden.
Wenn solche "Workshops" solide Angebote sein
sollen, müssen auch sie eine persönliche, vertrauens- und
verantwortungsvolle Beziehung zum Leiter oder Therapeuten ermöglichen
und über einen langen Zeitraum immer wieder stattfinden - das heißt,
im Rahmen einer kontinuierlichen Arbeit. (Für psychotherapieerfahrene
Menschen können sicher auch kurzzeitige Zusatz-Angebote verantwortungsvoller
Therapeuten eine Bereicherung darstellen, aber auch hier sollte man
genau wissen, worauf und mit wem man sich einläßt.)
- allen autoritären Therapeuten, Leitern, Gurus.
Sinnvolle Therapie kann nur verstärkte Autonomie, Selbständigkeit,
Selbst-Bewußtheit als Ziel haben und keine Unterordnung unter
Ideologien, Religionen, Ideen oder Personen. Ein Therapeut, den ich
nicht auch kritisieren und befragen darf, ist dabei ein äußerst
fragwürdiger Helfer.
- Alleskönnern. Unterschiedliche Therapieformen
haben unterschiedliche wissenschaftliche Hintergründe und Therapieziele.
Kein solider Therapeut wird behaupten, jede Störung jedes Patienten
gleichermaßen gut behandeln zu können, sondern sogar eher
einen Kollegen empfehlen, wenn er spürt, an eigene Grenzen zu stoßen.
- Therapeuten ohne Selbsterfahrung. Seit Sigmund Freud
gilt, Therapeuten müssen wenigstens die Therapie hinter sich gebracht
haben, die sie bei ihren Patienten anwenden. Andernfalls ist es nicht
zu vermeiden, daß sie eigene ungelöste Probleme (zum Beispiel
Minderwertigkeitskomplexe, Machtgier) unbewußt in die Therapeut-Patient-Beziehung
mit einbringen und eine Heilung eher behindern als fördern.
Bei staatlich anerkannten Therapeuten und allen anderen
ernstzunehmenden Therapie-Richtungen gehört Selbsterfahrung daher
zum obligatorischen Ausbildungsbestandteil.
- "Haftungs-Ausschluß"-Papieren. Damit
wird von vornherein jede Verantwortung des (in diesem Fall wohl kaum
so zu nennenden) Therapeuten ausgeschlossen - egal, welche (Spät-)Folgen
sich für den Patienten ergeben.
Aktuelles Beispiel für solches Vorgehen: Die sogenannten
"Mind-Machines" ("Mind-Salons", "Brain-Relax-Studios"),
die "sofortigen Streßabbau", "gesteigerte Lebensenergie",
"Harmonie in Körper und Geist" versprechen. Diese wissenschaftlich
nicht getesteten Maschinen, mit deren Hilfe Geräusche, Musik, Licht
und Wellen kombiniert werden, kann in der BRD jeder erwerben
und kommerziell einsetzen.
© aus ICH 2/90
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