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Unsere "Unfähigkeit zu trauern"
A.P.: Bereits seit einiger Zeit läßt
sich die erstaunliche Erscheinung registrieren, daß ein Volk,
daß noch kurz davor seine alten Machthaber "davondemonstriert"
hat, jetzt offenbar von dem unbändigen Willen beherrscht wird,
schnellstens Ersatz für sie zu schaffen. "Deutsche Einheit"
heißt das Gebot der Stunde. Wenn man den meisten Medien folgt,
scheinbar schon aus rein ökonomischen Zwängen. Aber spielt
unsere Seele, unsere psychische Struktur bei alledem keine Rolle?
Maaz: Die Charakterverformung, die ich in unserer
psychotherapeutischen Arbeit immer wieder vorfinde - und von der ich
vermute, daß sie auch für viele andere Menschen in unserem
Land zutrifft -, wenn man die auf einen Punkt bringen wollte, dann ist
es vor allen Dingen die Entfernung von der Innerlichkeit. Also wenn
wir sagen, daß wesentliche unserer Grundbedürfnisse nach
Liebe, Zuwendung, Sexualität, Angenommensein nicht erfüllt
werden, dann hat der Mensch einen Bezugspunkt zu sich verloren. Er weiß
nicht mehr, was er wirklich möchte, kennt seine Bedürfnisse
nicht mehr, die er hat unterdrücken müssen. Er hat also sozusagen
die Orientierung auf sich selbst verloren, das ist ihm untersagt worden,
es ist verboten, tabuisiert worden. Und das ist der Grund, weshalb er
jetzt abhängig davon wird, was andere ihm sagen, was andere für
gut oder richtig halten, was ihm erlaubt ist oder verboten wird.
Er wird sich also an Normen und vor allen Dingen an
fremde Autoritäten anhängen müssen. Dies ist der Grund,
weshalb wir feststellen müssen, daß viele Menschen bei uns
autoritätsabhängig bis autoritätssüchtig geworden
sind. Und das bedeutet auch, wem eine äußere, eine fremde
Autorität verlorengeht durch irgend etwas, der muß sehr bald
wieder eine neue Autorität finden, um sein Gleichgewicht, seine
Sicherheit wieder zu haben, weil er sich auf sich selbst nicht verlassen
kann, weil er das nie hat lernen dürfen. Und diese Situation ist
bei uns eingetreten: Wir haben das bisherige Staatssystem, damit auch
die wesentlichen Autoritäten, verloren. Auch wenn es repressive
Autoritäten waren, die eher unterdrückt haben, waren sie aber
immer doch auch diejenigen, die geherrscht haben, die bestimmt haben,
wie es in unserem Lande zugehen soll, und auf diese Weise auch Orientierung
und Halt gegeben haben. Und das ist nun weggefallen. Das heißt
für die meisten Menschen, jetzt entsteht ein Vakuum, es gibt eine
Verunsicherung, es gibt keine äußere Orientierung mehr.
Und in der Tat haben wir ja auch in den letzten Wochen
und Monaten feststellen müssen, daß die Leute zunehmend verunsichert
waren, labilisiert sind, über neue Ängste klagen - Angst vor
Freiheit, Angst vor Veränderung: Was soll ich jetzt machen mit
mir, ich weiß nicht mehr, was richtig ist! Bis hin zu ganz harmlosen,
lapidaren Geschichten, wenn's plötzlich also zwanzig verschiedene
neue Zeitungen gibt: Ja, wofür soll man sich denn entscheiden?
Oder bei der Wahl. Es gibt plötzlich eine Fülle von Wahlmöglichkeiten.
Die meisten sagen: Ja, ich weiß gar nicht, wen ich wählen
soll! Es entsteht eine neue Not, sich entscheiden zu müssen. Und
das ist in erster Linie eben, weil die äußere Orientierung,
die gesagt hat, was man tun soll, weggefallen ist, und die innere Orientierung
uns längst verlorengegangen ist.
Der Verlust der inneren Orientierung - Wer bin ich?
Was will ich? Was ist richtig?, aus meinem eigenen inneren Erleben heraus
- das ist ja eine Erfahrung, die in der frühen Kindheit beginnt
und dann ein ganzes Leben lang ausgeformt wird. Wenn diese Erfahrung
irgendwie behindert wurde oder sogar verlorengegangen ist im weitesten
Sinne, kann man sie nicht von heute auf morgen wieder aktivieren und
beleben. Von daher ist diese Verunsicherung durchaus verständlich.
Und auch die Gefahr, daß Menschen, weil sie diese Verunsicherung
nicht haben möchten, weil sie das ängstigt, sich sehr rasch
eben neue Autoritäten, neue Ordnungen suchen.
Man sucht z. B. politische Führung. Die borgt
man sich einfach aus dem Westen. Oder: Der rasche Ruf nach "Deutschland
einig Vaterland!" ist auch der, daß wir sehr rasch die Ordnung,
die Gesetze, die Normen der Bundesrepublik übernehmen möchten.
Auch das, was nicht gut ist. Es wird überhaupt nicht wirklich tiefer
reflektiert und diskutiert darüber, was an der bundesdeutschen
Ordnung und an den Normen, die dort herrschen, vielleicht nicht in Ordnung
ist, weil das Bestreben, möglichst wieder eingebunden zu werden
in bestehende Ordnungen, viel, viel größer ist als die Fähigkeit,
die eigene Verunsicherung zu ertragen. Und das ist das Dilemma. Denn
wenn wir nicht den Mut finden, unsere innere Verunsicherung eine Weile
auszuhalten - zu akzeptieren, daß es Zeiten gibt, wo uns keiner
gleich sagen kann, was richtig oder falsch ist -, dann sind wir auch
in Gefahr, uns allen möglichen Führern unkritisch wieder an
den Hals zu werfen. Manchmal wird es zu spät sein, wenn die Einsicht
kommt, daß es in Wirklichkeit eine Ver-Führung war, daß
das, was wir dann gewählt haben oder vielleicht auch die neue Lebensart,
die wir dann gefunden haben, uns wieder nicht zusagt oder nicht wirklich
freier und glücklicher macht.
A. P.: Es besteht also ein Zusammenhang zwischen
unserer Charakterstruktur, die sich aus unserer Erziehung ergeben hat
und die so typisch war für unser politisches, gesellschaftliches
System, und diesem Verhalten seit November 1989. Das klingt natürlich
irgendwie auch so ein bißchen schicksalhaft, so als ob es überhaupt
von vornherein keine andere Chance gegeben hätte.
Maaz: Ob das schicksalhaft ist, das wage
ich nicht zu sagen. Ich verstehe erst mal, daß es so gekommen
ist. Die Chance, die wir also durchaus hätten und immer noch haben,
ist die, daß wir genau diese, unsere innere Einengungerfahren.
Daß wir sie uns bewußt machen, daß wir überhaupt
den Mut haben, uns zu bekennen. Und daß wir anfangen, auch unsere
innere Unfreiheit zu überwinden. Daß wir nicht nur danach
rennen, jetzt sogenannte äußere Freiheiten zu schaffen -
denn die werden wir bei innerer Unfreiheit gar nicht ausfüllen
können. Daß wir uns wirklich auf das besinnen, uns bewußt
machen, was in uns schon längst angelegt ist oder anerzogen worden
ist durch die Art und Weise, wie wir in unserem Land gelebt haben. Also
das, was wir vielleicht als Trauerarbeit bezeichnen können: Trauer
über unsere eigene Einengung, über unsere innere Unfreiheit,
über die Gehemmtheit, die wir erlebt haben und die wir uns selber
auferlegt haben, über die eigene Verlogenheit, über die allzu
leichte Anpassung. Daß wir das bekennen, daß wir auch da
erneut Zivilcourage beweisen - jetzt nicht mehr im Kampf gegen eine
böse Obrigkeit, sondern gegen das Gestörte, Problematische,
Verdrängte in uns.
A. P.: Sie sprachen von Trauerarbeit, das
ist ein Begriff, der zur Zeit viel gebraucht wird, von vielen aber,
glaube ich, gar nicht verstanden wird.
Maaz: Ich verstehe darunter, daß wir gefühlsmäßig
all das durcharbeiten - durchleiden kann man sagen -, was an
Defiziten, an Schuld, an Kränkung, an Demütigung in uns ist,
was wir im Staatssystem - aber eben auch jeder einzelne in seiner Lebensgeschichte
- erfahren haben aufgrund einengender, entfremdeter, gefühlsblockierender
Erziehung. Trauerarbeit ist also immer ein Komplex von verschiedenen
Gefühlen. In der Regel wird es sich da um Ängste handeln,
wenn ich mich der Dinge erinnere, die mich eingeengt, verformt haben,
wenn ich mich erinnere, was ich selber an Schuld auf mich geladen habe,
auch an vertane Lebensmöglichkeiten, wo ich einfach nicht den Mut
hatte, mich anders zu entfalten oder so zu entwickeln, so wie ich es
gern gewollt hätte. Auch an unwiederbringlich verlorene Lebenszeit.
Wenn man sich an diese Dinge allmählich erinnert,
wird das auch Empörung auslösen, Wut und Haß aktivieren
gegen die, die das in uns erzeugt haben, also gegen die Unterdrücker.
Und das sind eben in erster Linie die Eltern, die Lehrer, die Funktionäre.
Es wird auch Schmerz und Trauer auslösen. Schmerz über das
Bittere, was mir weh tat, was ich einstecken mußte, und Trauer
über das, was ich nicht leben konnte. Also ein Prozeß, längere
Zeit gehend, durch viele Gefühle hindurch.
Und das ist der Grund - so erlebe ich das immer wieder
auch in der Therapie -, daß viele Menschen zunächst ganz
heftig gegen diese Gedanken zu Felde ziehen. Sie wollen das nicht wahrhaben.
Patienten oder auch wir Therapeuten werden beschimpft deshalb, weil
wir mit solchen Erfahrungen, die wir machen, bei anderen - die das nicht
wahrhaben wollen - Angst auslösen. Und Angst wird in der Regel
mit Feindseligkeit bekämpft. Also darin sehe ich einen Grund, weshalb
es zu einer wirklichen Trauerarbeit jetzt bei den meisten Menschen nicht
kommt. Genausowenig wie es zu einer wirklichen Trauerarbeit gekommen
ist nach dem Dritten Reich, nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, wo
Zeit gewesen wäre, zu überlegen: Was haben wir Deutschen denn
da eigentlich angerichtet?
Die bekannten Psychoanalytiker Alexander und Margarete
Mitscherlich haben das ja 1967 in ihrem Buch ,,Die Unfähigkeit
zu trauern", sehr deutlich beschrieben. Und ich glaube, daß
das, was wir jetzt bei uns beobachten müssen, ein vergleichbarer
Vorgang ist: Auch jetzt müssen wir, denke ich, eine Unfähigkeit
zu trauern feststellen oder eine Verweigerung.
Wissen Sie, wir saßen vor kurzem mit Freunden
zusammen und haben uns erinnert, was uns noch einfiel, was so unser
Leben bestimmt hat. Also, wie wir uns bei den Pionieren verhalten haben
oder bei der FDJ - ich war z. B. mal in einer Agitprop-Gruppe -, was
da alles so in der Schule gewesen ist. Dabei sind sehr viele, ganz persönliche
Betroffenheiten geäußert worden - was jeder von uns so alles
mitgemacht und toleriert hat und was zum Teil schon sehr peinlich und
beschämend war. Und wissen Sie, was das Besondere daran war? Nicht
nur die Erinnerung an diese Ereignisse, das war schon schlimm genug
und manchmal auch belustigend - manchmal auch so absurd, daß wir
auch lachen konnten -, aber das Besondere war, daß sehr bald mit
der Erinnerung an diese Erlebnisse auch Erinnerungen kamen an die familiären
Verhältnisse. Plötzlich war das vermischt mit Erinnerungen,
was Vater oder Mutter von einem wollten, wie sehr die auch wollten,
daß man sich schnell anpaßt, daß man reibungslos in
dieses System hineinpaßt, daß man keine Schwierigkeiten
macht, keine falschen Fragen stellt. Oder die Situation meinetwegen
am Tisch zu Hause, wo der Vater dominierte oder eine leidende Mutter
uns Kinder manipulierte -, daß das ähnlich war, wie man es
dann auch in der Gesellschaft wieder erfahren hat.
Also, ich will damit sagen, daß die Dinge, die
wir zunächst erinnerten - die jeder von uns in dieser Gesellschaft
an Einengung, Kränkung, beschämender Manipulation erfahren
und mitgemacht hat -, daß diese Erfahrungen sehr bald noch viel
persönlicher wurden und noch viel weiter zurückreichten in
die eigene Lebensgeschichte. Und das bedeutet: Wenn es zu einer Aufarbeitung
im Sinne von Trauerarbeit käme, würde jeder, der das anfängt,
eben auch auf seine ganz individuelle Lebensgeschichte, auf die Wahrheit
seiner Kindheit geführt werden. Und das ist immer sehr bedrohlich,
sehr beängstigend - und es wird eben von den meisten absolut nicht
gewollt. Sie werden alles tun, um das zu verhindern. Mit Mechanismen,
die man jetzt schon sieht: Einiges Deutschland, Marktwirtschaft, neues
Geld, Streit der oppositionellen Kräfte untereinander.
Wir sind doch alle interessiert gewesen, dieses System
zu verändern oder abzuschaffen. Ja, warum setzen sich dann nicht
alle zusammen und überlegen, eine gemeinsame bessere Gesellschaft
zu organisieren, statt sich gegenseitig im Streit zu lähmen? Wenn
man diesen Wahlkampf ansieht, wenn man sich überlegt, daß
noch ganz ehrenwerte Männer vor einem halben Jahr, die oppositionelle
führende Kräfte waren, sich bereits schon wieder lächerlich
machen durch Phrasen, durch demagogisches Gerede, durch bloße
Sätze, um Leute zu animieren, daß sie gewählt werden.
Das ist sowas Absurdes, daß man es kaum glauben kann und im Grunde
genommen, ich denke, nur verstehen kann, wenn man daran denkt, daß
eben auch dieses Verhalten geeignet ist, von der inneren Not, also von
der inneren Bewältigung der eigenen Probleme abzulenken. Man streitet
dann halt lieber, als daß man Schmerz erfährt über die
eigene Verbogenheit.
Und das ist natürlich auch eine Zeitbombe. Auch
wenn der Wahlkampf vorüber ist, wenn es zum politischen Alltag
übergeht, muß man immernoch Gegner haben, Feinde, um sich
von der inneren Not abzulenken. Da wird es auch sehr bald wieder neue
Ideologien geben, weshalb es richtig ist, gegen dieses oder jenes zu
sein, oder weshalb diese oder jene Menschen die Bösewichter sind
- was sich schon andeutet, mit Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus
oder auch Haß gegen Rechtsradikale. Das sind die neuen Sündenböcke.
Die Feindseligkeit, die man in sich trägt aufgrund
der Kränkung, die man erfahren hat, die muß ja wieder irgendein
Objekt, irgendein Opfer finden. Es ist eine Gesetzmäßigkeit:
Wenn man nicht seinen inneren Schmerz durch Trauerarbeit auf sich nimmt,
muß man irgendwie nach außen in den Krieg ziehen, gegen
irgend jemand oder irgendetwas, nur um der Aggressivität, die in
einem gestaut ist, ein Ventil, eine Erklärung zu geben
A. P.: Dazu paßt, daß der ehemalige
DDR-Verteidigungsminister Hoffmann offensichtlich lieber ein großes
Bundesheer gründen wollte, als um Gottes willen bloß nicht
die Armee als solche aufzugeben. Das ist doch lachhaft, daß Leute,
die jahrzehntelang zum Schutz gegen die "bösen Imperialisten"
da waren, nun sagen: Also, ehe wir ganz aufhören, Krieg zu spielen,
da fusionieren wir uns lieber mit unserem ehemaligen Todfeind.
Maaz: Es ist so grotesk, daß man es
gar nicht fassen kann. Man muß nur mal die Frage stellen: Ja,
gegen wen brauchen wir denn im Moment eine Armee? Die alten Feindbilder
stimmen nicht mehr - aber die Armee ist da. Es muß also
nahezu ein neuer Feind geschaffen werden. Wir können darauf warten,
daß regelrecht Konflikte geschürt werden, damit die Armeen
und die Rüstung wieder einen Grund haben können, bestehen
bleiben zu dürfen. Also, das ist so grotesk und so absurd, daß
es einem übel werden kann, wenn man das bedenkt und letztlich gar
nichts dagegen unternehmen kann.
A. P.: Das klingt natürlich auch wieder
alles sehr pessimistisch: Um wirklich eine neue Qualität der Gesellschaftsentwicklung
zu erreichen, wäre eine Trauerarbeit notwendig. Sie sagen aber:
Eigentlich ist das nicht möglich. Das heißt, es gibt keinen
Ausweg.
Maaz: Na, das ist nicht ganz richtig. Es
ist möglich. Und ich kenne inzwischen einige tausend Menschen,
die diesen Weg gehen und durchaus auch zeigen, daß es möglich
ist. Nie ideal, man ist in diesem Prozeß nie fertig, man wird
nicht plötzlich ein ganz neuer Mensch. Aber in der Therapie sagen
wir, wenn man den Weg durch seine Gefühle geht, dann gewinnt man
eine neue innere Stabilität, neue Freude am Leben. Daß ich
über mein eigenes inneres Elend, über die Defizite, die Mangelsituationen,
die sich in meinem Leben ereignet haben - in meiner Kindheit schon,
und dann in der Gesellschaft fortgeführt - daß ich den Mut
habe, dies aufzuspüren und daran jetzt bewußt zu leiden
- das führt zu einem Zustand von größerer Freiheit,
größerer Selbstsicherheit, Bewußtheit und schafft eben
den Mut zu neuem Leben. Dies ist, therapeutisch gesehen, durchaus möglich.
Die Frage ist nur: Wie ist es massenweise möglich? Das weiß
ich auch nicht. Ich bin an dieser Stelle erst mal nur insofern optimistisch,
daß wir überhaupt über diese Themen öffentlich
arbeiten können, daß ein Interesse besteht, daß darüber
gesprochen, informiert wird. Es gibt zunehmend Menschen, die sich in
Selbsthilfegruppen zusammenschließen, um über ihre inneren
Befindlichkeiten sich gegenseitig Mitteilung zu machen.
Also da gibt es hoffnungsvolle Ansätze, und zugleich
gibt es aber auch das Gegenteil: daß man angefeindet wird, weil
man solche Themen in die Öffentlichkeit bringt. Man wird abwarten
müssen, wie die politische Entwicklung weitergeht. Ich halte es
nicht für ganz ausgeschlossen, daß es wieder Zeiten geben
kann, wo die Behandlung solcher Themen verboten wird. Daß wir
dann wieder nicht öffentlich danach fragen können: Was treibt
denn Menschen heute zur Macht? Sind das nur edle Motive, oder sind das
vielleicht auch Ablenkungsmanöver von innerer Not?
A. P.: Eins der gängigsten Argumente
gegen eine bewußte Beschäftigung mit der eigenen und auch
der gesellschaftlichen Vergangenheit, läßt sich vielleicht
so zusammenfassen: Wir haben einfach keine Zeit für den Luxus,
über den Schnee von gestern zu lamentieren; wir brauchen unsere
Kräfte, um die Probleme der Gegenwart und der Zukunft zu meistern.
Was halten Sie von einer solchen Einstellung?
Maaz: Es ist richtig und lachhaft zugleich.
Richtig ist: Das wirtschaftliche Desaster und noch viel mehr die ökologische
Krise sind so ausgeprägt, daß tatsächlich dringend etwas
geschehen muß. Auf der anderen Seite - also mir geht es persönlich
so -, ich habe jetzt vierzig Jahre hier gelebt, ich muß nicht
sofort den westlichen Wohlstand haben, oder es muß nicht sofort
für mich die Wirtschaft perfekt gemacht werden. Es wird also auch,
denke ich, Panik gemacht, schlimmer dargestellt, als es in Wirklichkeit
ist. Noch hungert keiner in der DDR.
Ich denke, wenn wir uns vierzig Jahre Zeit gelassen
haben, haben wir auch noch ein, zwei, drei weitere Jahre Zeit, um in
Ruhe miteinander zu arbeiten, miteinander zu ringen, eine neue Form
einer Gesellschaftsordnung mit einer neuen Form einer Wirtschaftsordnung
aufzubauen, wirklich gründlicher zu überlegen, das allmählich
wachsen zu lassen. Und immer wieder auch in Verbindung damit: uns Zeit
zu lassen, Raum zu geben für Vergangenheitsbewältigung. Ich
habe immer den Eindruck gehabt, diejenigen, die am lautesten geschrien
haben: Laßt doch die Vergangenheit, es ist genug geredet! -, das
sind diejenigen, die am wenigsten ihre eigene Vergangenheit bewältigt
haben, die am meisten Angst davor haben, das auch nur zu versuchen.
A. P.: Hinter dieser Einstellung steckt ja
irgendwo auch die Meinung, daß für das, was man in der Gegenwart
macht und in der Zukunft machen möchte, die Vergangenheit gar keine
Rolle spielt. Was resultiert denn aus einer nicht bewältigten,
nicht bewußt erlebten Vergangenheit für die Gegenwart eines
Menschen?
Maaz: Wir haben in unserer Arbeit dafür
einen Fachausdruck, den sogenannten Wiederholungszwang. Und der besagt,
daß Menschen zwanghaft das wiederholen müssen, was sie in
ihrer frühen Kindheit erfahren haben. Das heißt, sie verhalten
sich unbewußt so, daß die Verhältnisse, die für
sie ursprünglich waren, wieder hergestellt werden. Und sie suchen
solche Verhältnisse, oder tragen dazu bei, daß solche Verhältnisse
wieder hergestellt werden. Der Sinn einer solchen absurd erscheinenden
Verhaltensweise liegt darin, daß die frühen Erfahrungen,
die man gemacht hat, ja immer auch auf die genannte Art mit Bitterkeit,
mit unangenehmen Erlebnissen verbunden sind - die man aber letztendlich
verdrängt hat. Aber wenn man jetzt bessere Verhältnisse herstellen
oder erfahren würde, würde man unweigerlich an diese ursprünglichen
bitteren Erfahrungen erinnert werden. Und diesen Schmerz will man vermeiden.
Aber es liegt auch etwas Positives im Wiederholungszwang:
Er ist ja ein Ausdruck dafür, daß innerlich etwas unbewußt
gärt, schmort, eigentlich anders erledigt sein möchte. Und
indem ich immer wieder die gleichen Verhältnisse wie damals herstelle
oder suche, will ich mir auch eine Chance geben, es doch mal besser
ausgehen zu lassen. Und so hat der Wiederholungszwang diese negative
Seite, daß der Mensch nicht seine Erfahrung freiwillig verläßt,
und zugleich ist er der Hoffnungsträger dafür, daß es
einmal unter entsprechend günstigen Verhältnissen wirklich
zu einer Aufarbeitung, zu einer Lösung für die frühen
Probleme kommt.
Das ist ja auch der Grund, worauf wir in der Therapie
bauen können: Daß im Menschen selbst so eine Hoffnung weiterhin
bestehen bleibt, daß er zu mehr Freiheit, zu mehr Gesundheit,
zu mehr Befriedigung seiner Grundbedürfnisse findet. Und wenn wir
den Kontakt zu diesem Teil seines Wesens aufbauen, dann haben wir auch
in jedem Menschen einen Verbündeten, der dann bereit ist, auch
Schmerz und bittere Erinnerung in Kauf zu nehmen, um sich diese neuen
Möglichkeiten zu erarbeiten.
A. P.: Dieser Wiederholungszwang besagt dann
aber auch - noch einmal auf unsere gesellschaftliche Situation angewandt
-, daß das, was wir jetzt als "stalinistisch" zusammenfassen,
was an stalinistischen Anteilen in unserer Erziehung, in unserem Leben
war, daß wir diese Zustände sozusagen unbewußt auch
immer wieder herstellen werden, solange wir diesen Anteil unseres Lebens,
unserer Persönlichkeitsentwicklung nicht bewußt erleben.
Maaz: Genau so ist es. Man sieht es doch
schon, daß man eben neue Führer braucht. Die werden doch
zuhauf ins Land geholt. Als wenn wir nicht selber unsere Reden zu unserer
Wahl halten könnten. Man muß sich das mal überlegen,
wie klein wir uns selber machen, für wie unfähig wir uns erklären,
wenn wir nicht unseren Wahlkampf selber machen, daß wir uns wirklich
neue "Väter" holen, die uns sagen sollen, was richtig
und was falsch ist. Und ich denke, der Gedanke ist gar nicht so absurd,
daß wir statt stalinistischer repressiver Strukturen jetzt die
Repressionen durch die Macht des Geldes oder des Konkurrenzkampfes suchen.
Das sind ja auch einengende, repressive Strukturen, die den Wiederholungszwang
sättigen können.
Ich habe das selbst schon am eigenen Leibe empfunden:
Wenn ich hier in der DDR etwas einkaufen will, dann ärgere ich
mich meistens, daß ich dies und jenes nicht finde und nicht bekomme
und bin also frustriert. Jetzt bin ich in die Bundesrepublik gefahren
und bin dort einkaufen gegangen, und was habe ich erlebt? Also ich war
ähnlich frustriert, weil ich mich bei der Fülle der hervorragenden
Angebote nicht entscheiden konnte, oder ich hatte dann was Wunderbares
gekauft und stellte nach zehn Minuten fest, daß ich den gleichen
Artikel hätte zehn Mark billiger bekommen können in einem
anderen Laden. Und das ist bei den geringen Geldern, über die wir
verfügen, natürlich frustrierend. Also, am Ende war ich genauso
frustriert, obwohl ich aus der Fülle schöpfen konnte wie hier,
wo ich den Mangel erleiden mußte.
Und da habe ich zum ersten Mal auch drüber nachgedacht:
Mensch, das sind doch neue Repressionen. Der Markt, die Fülle,
der Überfluß, dieses Konkurrenzdenken erzeugt ganz neue Zwänge
und Einengungen. Dann habe ich mit Bekannten, Freunden und Verwandten
im Westen gesprochen und habe festgestellt, daß sie ständig
beschäftigt sind: Wo kriege ich einen Artikel am billigsten? Ich
wurde nahezu angefahren manchmal, wenn ich irgend was kaufen wollte:
Das kannst du doch nicht machen, man muß erst noch dort und dort
schauen, ob es nicht billiger ist! Also, ich dachte, ich bin in einem
absurden Theater: Ich habe mich gerade mühsam aus solchen Einengungen
befreit und bin schon wieder in den nächsten, die nur goldig verpackt
sind.
Da wird deutlich, daß möglicherweise diese
neuen Verhältnisse nichts anderes als den Wiederholungszwang ausdrücken.
Und was wir jetzt so mit "stalinistisch" bezeichnen, wird
vielleicht in einem neuen System eines Tages den Beinamen "konsumterroristisch"
bekommen und ist nur eine andere Variante desselben Problems.
A.. P.: 1945 hat es in Deutschland offensichtlich
keine ausreichende kollektive Trauerarbeit zur Bewältigung des
Faschismus gegeben. Besteht nicht die gleiche Gefahr, zu verdrängen
statt aufzuarbeiten, jetzt hierzulande bezüglich des Stalinismus?
Maaz: Ja. Es gibt auch jetzt wieder eine
massenweise Betroffenheit, eine massenweise Schuld und - so wie ich
es jetzt sehe - den Versuch einer gemeinsamen "Erlösung",
z. B. in der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Das, denke ich,
ist im Moment der Versuch, von der individuellen Problematik abzulenken.
Eine "kollektive" Trauerarbeit allerdings
im Wortsinn ist nicht möglich. Man kann zwar kollektive Formen
finden wie Öffentlichkeits- oder Medienarbeit, kann in Literatur
und Kunst diese Themen aufgreifen und dadurch große Bevölkerungskreise
erreichen. Aber auch eine Rede oder eine Kundgebung, eine Demonstration,
die sich dieses Themas annimmt, wäre noch keine Trauerarbeit in
eigentlichen Sinne. Denn Trauerarbeit kann nur jeder einzelne leisten.
Wenn man das mal vergleicht mit der Trauerfeier bei
einer Beerdigung, dann gibt es dort eine Gruppe von Menschen, ein Ritual,
das günstige Bedingungen dafür schaffen könnte - in der
Realität wird diese Chance meist verpaßt -, daß der
einzelne eine Chance hat zu trauern. Daß er innerhalb eines geschützten
Rahmens zu seinem Schmerz kommen kann, daß er jetzt eine Erlaubnis
hat, zu weinen, zu trauern über den Verlust. Man könnte sich
vorstellen, daß wir innerhalb einer Gesellschaft auch solche Möglichkeiten,
solche Rituale uns geben: in Versammlungen, in Gesprächen untereinander,
in kleineren oder größeren Gruppen. Aber die eigentliche
Trauerarbeit bleibt eine ganz individuelle, eine, die jeder für
sich leisten muß und der er auch einen individuellen Inhalt geben
muß, denn er ist ja auf seine ganz konkrete Art und Weise betroffen
von der Verformung.
A. P.: Sie haben vorhin schon das Buch ,,Die
Unfähigkeit zu trauern" erwähnt. Dort werden ganz ähnliche
Probleme besprochen, wie wir sie diskutiert haben. Die Mitscherlichs
sprechen zum Beispiel davon, daß das sogenannte Wirtschaftswunder
der BRD nach dem zweiten Weltkrieg vor allem dadurch notwendig und möglich
geworden ist, "weil Millionen Bürger durch neue gewaltige
Anstrengungen die Anstrengungen verdrängen wollten oder ungeschehen
machen wollten, die sie im dritten Reich unternommen hatten" -
bei der Unterstützung oder Duldung des Massenmordes an den Juden
oder bei der Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges.
Sie sprechen auch von einer Taktik, die auf das Motto hinausläuft:
,,Der Führer hat an allem Schuld. Wir sind alle nur betrogen worden
und mußten gehorchen" - eine These, die mir aus der jüngsten
DDR-Geschichte sehr bekannt vorkommt. Und sie vertreten schließlich
die Meinung, daß durch dieses massenweise Verdrängen der
faschistischen Vergangenheit die Bundesbürger, ihre Parteien und
Politiker nicht in der Lage wären, flexibel und kreativ auf neue
politische Situationen zu reagieren.
Kann man also in dieser Weise die am einzelnen Menschen
- beispielsweise durch psychoanalytische Therapie - gewonnenen Erkenntnisse
auf ein Kollektiv übertragen? Läßt sich auch über
einen ganzen Staat sagen: Die Kraft, die er verwenden muß, um
die eigene Vergangenheit zu verdrängen und unbewußt zu halten,
fehlt ihm für die Gegenwartsbewältigung?
Maaz: Ich denke, unbedingt. Politik wird von
Menschen gemacht, und Parteien werden von Menschen gemacht. Das heißt,
das, was in der Politik als Programm erscheint, ist letztlich das Ergebnis
der Gedanken und der Haltung von einzelnen Menschen. Das heißt,
die Psychologie des einzelnen wird sich in den politischen Programmen
auf jeden Fall ausdrücken und abfärben. Deshalb war die Parole
,,Die Partei hat immer recht" ja eine ebenso absurde wie gefährliche,
weil damit der Eindruck erweckt wurde, daß die Partei ein eigener
Mechanismus wäre, der nun also übermenschliche, metaphysische
Kräfte entwickeln könnte. Und das ist ein einfacher Betrug:
Eine Partei ist nichts anderes als einzelne Menschen. Und bei der SED
mußte man sogar sagen, letztlich sind es nur noch die Ideen von
einigen wenigen oder sogar eines einzelnen gewesen.
Ich halte es z. B. für sehr wichtig, daß
eine Auseinandersetzung mit den Mächtigen, also z. B. auch mit
Erich Honecker, geschieht. Nicht im Sinne des Sündenbockes - Der
ist schuld! -, sondern um genauer zu wissen: Ist Erich Honecker ein
Verbrecher? Oder ein psychisch Kranker? Oder ein ganz durchschnittlicher,
normaler Bürger wie die meisten in unserem Land? Ich glaube, das
Letztere wird am ehesten stimmen. Das heißt, er verkörpert
am deutlichsten das, was sozusagen auch am verbreitetsten in der Bevölkerung
ist: Bestimmte Charakterstrukturen, die zusammenpassen. Keiner kann
sich auf die Tribüne stellen, wenn es nicht ein Volk gibt, das
da willig vorbeidefiliert und solche grotesken Aufmärsche mitmacht.
Da wird irgend etwas ausgedrückt, was das ganze Volk betrifft.
Und der Führer ist dann sozusagen die ,,Gestalt gewordene Psychologie",
also der Ausdruck dessen, was in den meisten Menschen vorhanden ist.
Nur im Führer wird das am schärfsten, am deutlichsten klar.
Und es gibt ja auch das Wort ,,Jedes Volk hat den Führer, den es
verdient", ,,Jeder Mensch hat den Partner, den er verdient."
Da ist sehr viel Wahres dran, weil sich im Partner, im Führer ausdrückt,
was man selbst ist. Das ist irgendwie ein Spiegelbild.
A. P.: Um noch einmal auf die Analyse von
Alexander und Margarete Mitscherlich zurückzukommen: Dieser Analyse
kann man also entnehmen, daß auch für viele Bundesbürger
das gilt, was Sie aufgrund Ihrer therapeutischen Erfahrung für
die große Zahl von DDR-Bürgern annehmen können, nämlich
Schwierigkeiten mit der eigenen Vergangenheit, blinde Flecken immer
besonders da, wo es weh tut.
Besteht da nicht eine Riesengefahr, wenn die beiden
deutschen Staaten jetzt aufeinander zu gehen, daß sich die massenhaft
vorhandenen Charakterstrukturen - die ja dann so unterschiedlich vermutlich
gar nicht sind -, daß sich diese Charakterstrukturen und diese
,,Unfähigkeiten zu trauern" gegenseitig aufschaukeln, verstärken,
wenn sie weiterhin verdrängt bleiben? Gibt es nicht auch aus psychotherapeutischer
Sicht eine tatsächliche Gefahr, wieder in die alte Großmannssucht,
in den Größenwahn, in die Deutschtümelei u. ä.
zurückzufallen, als eben "ein Volk" - mit einer nicht
aufgearbeiteten Vergangenheit?
Maaz: Ich sehe diese Gefahr als gegeben. Ich
kann mir das so vorstellen: Wenn es so kommt, daß wir angeschlossen
werden an die Bundesrepublik, dann heißt das ja, daß vierzig
Jahre Leben in diesem Lande im Grunde nichts getaugt haben. Ich meine
damit nicht unser politisches oder wirtschaftliches System - das hat
offensichtlich wirklich nichts getaugt, aber hier haben sechzehn, siebzehn
Millionen Menschen gelebt, die eben auch ein ganz persönliches
Leben zu verantworten haben. Es geht also, denke ich, um die Würde
des Einzelnen. Und wenn plötzlich gesagt wird, alles, was war,
taugt nicht mehr, jetzt müssen wir so leben, wie es uns die Bundesrepublik
vorschreibt, dann kann man schon ermessen, wieviel Kränkung, wieviel
Haß und Neid, wieviel Enttäuschung das in jedem DDR-Bürger
zurücklassen muß.
Jeder von uns weiß, wie das war, wenn er zwanzig
Jahre meinetwegen auf einen Trabbi gespart hat. Er hat sparen müssen,
anstehen müssen, er mußte sich was einfallen lassen, er hat
seinen ganzen Stolz, seine Ehre, seine Kreativität in das Erreichen
solcher Ziele gesetzt, ein Auto oder eine Wohnung hübsch einzurichten,
eine Datsche zu haben, einen Schrebergarten zu gestalten. Und plötzlich
ist das entwertet. Der Trabbi ist doch nur noch ein Haufen Mist, wenn
wir die Westwagen sehen! Das heißt aber, das, was viele Jahre
unseren Stolz ausgemacht hat, wo wir auch irgendwas von unserer Würde
drangehangen haben, ist plötzlich nur noch einen Haufen Dreck wert.
Das kann ein Mensch ohne tiefe Kränkung, also ohne Beleidigung
und schmerzliche Berührung nicht verkraften. Und das bleibt in
uns stecken.
Wenn das also nicht eine Möglichkeit hat, daß
wir das irgendwie ausdrücken können, daß wir das, was
weiß ich, hinausweinen, hinausschreien können, bleibt das
eine Bombe, die in uns tickt. Und das wird sich rächen, wenn wir
uns nach dem ersten Wohlstandsrausch die Frage stellen werden: Ja, und
nun? War es das, sind wir jetzt glücklicher und zufriedener? Dann,
denke ich, wird sich diese aufgestaute destruktive Energie anfangen
zu entladen, und dann könnte durchaus passieren, daß das
große Deutschland neue Ziele sucht, neue Feinde braucht, um den
wahnsinnigen unausgelebten sozialen Druck irgendwohin zu richten.
Wenn ich also die Bedenken höre, die von den Nachbarländern,
von Polen, von Frankreich, Holland geäußert werden, dann
sind das bestimmt keine realpolitisch begründeten Bedenken, aber
intuitiv wird da etwas empfunden, etwas geahnt von dieser Problematik,
die sich aufbauen kann, wenn es ein vereintes Deutschland gibt ohne
psychische Revolution, ohne Trauerarbeit.
Ich will's noch mal von einer anderen Seite sagen.
Ich bin überzeugt aus vielen Erfahrungen, die ich auch mit Westdeutschen
gemacht habe, daß viele von ihnen auch davon gelebt haben oder
sich besonders gut, groß, reich fühlen konnten, weil wir
die ärmeren, erbärmlicheren, kleineren, die kleinmütigeren,
die kleinkarierteren Brüder und Schwestern waren. Sie konnten auch
ihre innere Problematik dadurch kompensieren: Na, guckt euch doch die
im Osten an, guckt doch mal, wie beschissen die leben! Und das hat ihnen
ein Größegefühl gegeben. Das wird plötzlich auch
fehlen, wenn wir im vereinten Deutschland nicht mehr die armen Hanswürste
sind. Auch da, denke ich, fehlt ein Kompensationsmechanismus. Wo wird
das hinschwappen? Wie werden nun eine große Anzahl der Westdeutschen,
sagen wir mal, ihre Größe messen können, wenn sie sich
nicht mehr vergleichen können, wenn wir alle VW und Mercedes fahren,
und sie nicht mehr lächeln können über unsere blöden
Autos? Dann wird es ganz neue Erlebensweisen geben oder eine Not, einen
Druck, neue Erklärungen, neue Opfer, neue arme Brüder und
Schwestern zu schaffen - nur um im Gleichgewicht zu bleiben. Also, die
Labilisierung liegt nicht nur bei uns, sondern sie liegt auch bei den
Westdeutschen im vereinten Deutschland.
A. P.: Die seelischen Gefahren sind allerdings
für die Westdeutschen sicherlich insofern etwas geringer, wenn
wir wenigstens nur angeschlossen werden. Denn andernfalls wäre
es ja sicherlich für einen Großteil von ihnen auch irgendwie
eine Kränkung: Sie waren die ganzen vierzig Jahre das aktivere,
clevere, erfolgreichere, international anerkanntere Volk, und nun sollen
sie sich mit diesem doch kleinen, nicht so effektiven Land, was von
allen diesen traditionellen Werten von Leistung weniger erreicht hat,
auf einen Kompromiß einlassen? Wozu eigentlich? Was haben dann
die eigenen Werte noch für eine Bedeutung?
Andererseits würden wir aber als DDR-Bürger,
wenn wir angeschlossen werden, zum zweiten Mal unsere Identität
aufgeben müssen. Erst konnten wir mit der Schuld, die unsere Väter,
unsere Großeltern getragen haben im Faschismus ebenso wenig weiterleben
wie die Westdeutschen, und jetzt dürfen wir wieder nicht zu unserer
Vergangenheit stehen, die nun mit dem Wort Stalinismus belastet ist.
Wer sind wir eigentlich dann?
Maaz: Wir waren ja auch immer irgendwie gern
gesehene Gäste, wenn wir in den Westen kamen, oder wir wurden gefördert,
gestützt. Wohlwollen war da. Und das ist doch schon längst
umgeschlagen. Die DDR-Bürger, die jetzt rüberkommen, werden
doch schon - ich denke, auch mit Recht - eher abgelehnt, es ist kein
Verständnis mehr vorhanden. Zunehmend hört man Ängste
drüben: Was wird, wenn die Einheit kommt?
Wir sind auch schon die neuen Sündenböcke:
Die Probleme, die in der Bundesrepublik bisher verdeckt waren, können
jetzt auch den DDR-Bürgern angelastet werden. Das ist bereits im
Gange. Da wird es ganz neuartige soziale Konflikte geben, die ausgetragen
werden, und wir wissen noch nicht, wie. Ich denke, die einzige Hoffnung,
die wir hätten - ich denke, sie ist schon verspielt - wäre
die gewesen, daß wir uns wirklich noch zwei, drei Jahre Zeit ließen,
um zu einer größeren inneren Reife, zu einer inneren Demokratisierung
zu kommen, daß wir wirklich, sagen wir mal, erhobenen Hauptes
mit unserer Würde ein Deutschland wieder bilden können. Daß
wir weder als arme Brüder und Schwestern kommen, denen geholfen
werden muß, noch eben als Ex-Stalinisten oder als welche, die
jetzt Unruhe schaffen. Daß eine Reife kommen kann, eine innere
Bewältigung der Probleme, die wir in uns tragen.
Ich meine, daß es auch eine Chance wäre,
wenn wir diesen Weg gehen würden, auch wieder so manchem Westdeutschen
vielleicht ein bißchen Mut zu machen, selbst mal wieder nach innen
zu schauen und selbst innezuhalten und sich zu fragen: Ja, wir leben
zwar in einem der reichsten Länder der Weit, aber leben wir glücklich?
Daß wir auf diese Weise eine neue gesunde Politisierung nach Deutschland
bringen. Das wäre - ist - eine Chance, die wir durchaus
für uns nutzen könnten, die uns auch besser anstehen würde
als nur den Westen nachahmen zu wollen.
© aus ICH 1/90
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