Geburt ist keine Krankheit
16 Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisaton WHO
1. Die gesamte Öffentlichkeit sollte über
die verschiedenen Verfahren der Geburtshilfe informiert sein, damit
es jeder Frau möglich ist, die für sie richtige Art und Weise
der Geburtshilfe zu finden.
2. Die Ausbildung der Hebammen und aller Berufsgruppen,
die die Frau und das Kind rund um die Geburt betreuen, müssen gefördert
werden. Die Betreuung während einer normalen Schwangerschaft, bei
der Geburt und im Wochenbett gehört zum Aufgabenbereich der Hebammen
und der angrenzenden Berufe.
3. Alle Krankenhäuser sollten den schwangeren
Frauen Inf-ormationen über die von ihnen praktizierte Geburtshilfe
(z. B. die Höhe ihrer Kaiserschnittrate) frei zugänglich machen.
4. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für eine Kaiserschnittrate
über 10 bis 15 Prozent.
5. Einmal Kaiserschnitt muß nicht für alle
nachfolgenden Geburten auch Kaiserschnitt bedeuten. Nach einer solchen
Operation, bei der die Gebärmutter an einer tiefliegenden Stelle
geöffnet wurde, kann eine vaginale Entbindung angestrebt werden,
wenn im Notfall schnell ein Eingriff durchgeführt werden kann.
6. Es gibt keine Beweise dafür, daß routinemäßige
elektronische Dauerüberwachung der kindlichen Herztöne einen
positiven Einfluß auf den Ausgang der Geburt hat.
7. Für eine Rasur der Schamhaare oder einen Einlauf
vor der Geburt besteht kein Anlaß.
8. Während der Wehentätigkeit sollten schwangere
Frauen nicht auf dem Rücken liegen. Sie sollten angeregt werden,
während der Wehen herumzulaufen und sich frei zu entscheiden, in
welcher Position sie gebären möchten.
9. Routinemäßige Dammschnitte sind nicht
zu rechtfertigen.
10. Geburtseinleitungen sollten nicht aus Bequemlichkeit
stattfinden. Verabreichung von Wehenmitteln sollte nur nach strenger
medizinischer Indikation erfolgen.
11. Schmerzstillende und betäubende Medikamente
sollten nicht routinemäßig, sondern nur zur Behandlung oder
Verhütung einer Geburtskomplikation eingesetzt werden.
12. Für ein frühzeitige Eröffnung der
Fruchtblase als Routine-eingriff gibt es keine wissenschaftliche Begründung.
13. Das gesunde Neugeborene gehört zu seiner Mutter,
wenn es der Zustand von beiden erlaubt. Die Beobachtung des Kindes rechtfertigt
nicht die Trennung von der Mutter.
14. Nach der Geburt sollte der Mutter möglichst
bald Gelegen-heit zum Stillen gegeben werden.
15. Geburtshilfliche Einrichtungen, die mit dem Einsatz
von Technik kritisch umgehen und emotionale, psychische und soziale
Aspekte in den Vordergrund stellen, sollten bekannt gemacht werden.
Diese Projekte sollten gefördert und ihre Erfahrungen veröffentlicht
werden, um als Modelle für andere geburtshilfliche Einrichtungen
zu dienen und die Einstellung zur Geburtshilfe in der Öffentlichkeit
zu verändern.
16. Regierungen sollten über die Schaffung von
Bestimmungen nachdenken, die den Einsatz neuer Geburtstechnologien nur
nach angemessener Prüfung erlauben.
© aus ICH 3/93
Übersetzung mit Genehmigung
und Unterstützung der WHO:
Kontakt- u. Beratungsstelle des Geburtshauses für eine selbstbestimmte
Geburt e.V., Berlin
Diese Empfehlungen sind Teil
des im April 1985 veröffentlichen Berichtes "Appropriate Technology
of Birth" der Weltgesundheitsorganisation. Zu beziehen ist der
vollständige Bericht von der WHO Regional Office for Europa, 8
Scherfigovej, Kopenhagen, Dänemark.
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